Presseschau

Basler Zeitung vom 16.05.2018

Umstrittenes Phänomen

Der FC Basel zieht die 4,9 Millionen Franken teure Option und verpflichtet Dimitri Oberlin bis ins Jahr 2022

Von Tilman Pauls

Basel. Es waren nur sechs Spiele, aber diese sechs Spiele haben gereicht, um aus Dimitri Oberlin ein Phänomen werden zu lassen. Im Herbst stürmte der FC Basel durch die Champions League, und ganz vorne stürmte dieser gerade erst 20-Jährige. Vier Tore in sechs Spielen, so viele wie Mbappé oder Lukaku. Als die Basler sich bei Benfica Lissabon für die Achtelfinals qualifizierten, wurde Oberlin am Flughafen zu den Gerüchten befragt, die besagten, dass Real Madrid an ihm interessiert sei. Oberlin sagte: «Ich fühle mich geehrt.»

Ein halbes Jahr später soll der gleiche Spieler gerüchteweise nicht mal mehr einen Kopfball aus zwei Metern am Torhüter vorbeibringen. Aber trotzdem hat der FC Basel gestern verkündet, dass er die ausgehandelte Übernahme-Option im Leihvertrag mit RB Salzburg gezogen hat und Oberlin für vier Jahre bis 2022 an sich bindet. 4,9 Millionen Franken soll das die Basler kosten, ein stolzer Betrag. Oberlin wäre damit die zweitteuerste Verpflichtung hinter Alex Frei, auch wenn man die Torquoten der beiden Stürmer besser nicht vergleicht.

Unumstritten ist die definitive Übernahme Oberlins nämlich nicht, erst recht nicht nach seinen Leistungen in den vergangenen Monaten. Es gibt diejenigen, die sich einen Spass daraus machen und seine Ablösesumme auf die Einsatzminuten in der Rückrunde umrechnen (15 000 Franken pro Minute). Bei den erzielten Toren ist die Rechnung sogar noch etwas einfacher (2,45 Millionen pro Tor). Aber es gibt auch diejenigen, die auf die Perversionen eines durchdrehenden Transfermarkts hinweisen, in dem 4,9 Millionen Franken nicht übertrieben viel sind für ein 20-jähriges Talent, das man vielleicht schon in diesem Sommer für das Doppelte verkaufen könnte.

Nur zur Erinnerung: Der Zürcher Stürmer Raphael Dwamena wäre im letzten Sommer mit dem Nachweis von zwölf Toren aus 18 Challenge-League-Spielen fast für zehn Millionen Franken nach England gewechselt. Im Fall von Derlis Gonzalez haben sechs Tore für die Basler und eine starke Kampagne in der Champions League gereicht, damit Dynamo Kiew mehr als zehn Millionen Franken nach Basel überwies.

Die Chancen sind jedenfalls intakt, dass sich die Investition in Oberlin für den FC Basel auszahlt.

Balanta nicht in Russland

Im Verein sind sie jedenfalls noch immer von den Worten Marco Strellers überzeugt, der Oberlin letzten Sommer als eines der grössten Talente Europas ankündigte. Dies ist vermutlich näher an der Wahrheit als der Vergleich von Bernhard Burgener, der Oberlin etwas überhastet mit Mohamed Salah verglichen hat. Aber klar ist auch, dass man dieses Talent intensiv betreuen muss, wenn man sich von ihm sportlichen oder finanziellen Erfolg erhofft; im besten Fall natürlich beides.

Oberlin hat Qualitäten, das hat er auf der grossen Bühne bereits bewiesen. Er hat aber auch gezeigt, dass ihn seine Instinkte noch zu oft in die falsche Richtung lenken. Die Aufgabe des Trainerteams um Raphael Wicky ist, dass Oberlin seine innere Stimme so unter Kontrolle bekommt wie die Anordnung seiner Füsse. Der FC Basel muss seinem Ruf als Ausbildungsclub in diesem Fall ganz besonders gerecht werden.

Zum Beispiel in der Vorbereitung auf die neue Saison. Zwar befindet sich Oberlin mit 34 anderen Namen auf der vorläufigen Kaderliste von Nationaltrainer Vladimir Petkovic für die WM. Aber nicht mal die grössten Optimisten rechnen damit, dass Oberlin tatsächlich nach Russland fährt. Somit kann er die gesamte Vorbereitung nutzen, um vielleicht wieder die Form zu erlangen, die er im letzten Herbst gezeigt hat.

Das Gleiche gilt auch für Verteidiger Eder Balanta. Der 25-Jährige befindet sich nicht auf der WM-Liste Kolumbiens, was für den FCB eine gute Nachricht ist. Bis zuletzt hatten die Verantwortlichen damit gerechnet, dass Balanta bei der WM dabei ist und den Baslern zum Trainingsauftakt fehlt. Jetzt kann der zuletzt verletzte Verteidiger aber einen geregelten Aufbau betreiben und die Fragezeichen in der Abwehr beheben, wenn es für die Basler in die Qualifikation zur Champions League geht.

Balanta ist übrigens auch so einer, der nicht viele Spiele braucht, um zu einem Phänomen zu werden.


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